14. März 2015

[Studium] Der althochdeutsche Tatian

am Samstag, März 14, 2015
In meiner Umfrage (Wer noch nicht mitgemacht hat, möge dies in der rechten Seitenleiste tun!) hatte ich euch gefragt, ob ihr mehr von meinem Studium der germanistischen Sprach- und Literaturwissenschaft lesen wollt. Tatsächlich haben bereits 4 Stimmen diesen Punkt angekreuzt, also dachte ich mir: schreib doch einen Post zu deinen aktuellen Recherchen. 

Der althochdeutsche Tatian. Beim althochdeutschen Tatian handelt es sich um eine Evangelienharmonie, die um das Jahr 830 in Fulda  entstand. Seit dem 10. Jahrhundert befindet sich die Handschrift im Kloster St. Gallen. 

Was steht da drin? Eine Evangelienharmonie umfasst (zumindest in diesem Fall) einen "Zusammenschnitt" von vier Evangelien. Die Besonderheit des Tatian ist, dass er zweispaltig geschrieben wurde. Links befindet sich der Lateinische Text und rechts finden wir die althochdeutsche Übersetzung. Der ahd. Tatian gehört daher zu den wichtigsten Überlieferungen des frühesten Deutsch. 

Ein kleiner Auszug gefällig? Dies ist ein Stück des lateinischen Textes: 

Ait autem: homo quidam habuit duos filios. 12. Et dixit adolescentior ex illis patri: pater, da mihi portionem substantiae quae me contingit. Et divisit illis substantiam. 13. Et non post multos dies congregatis omnibus adolescentior filius peregre profectus est in regionem longinquam et ibi dissipavit substantiam suam vivendo luxuriose.
Und dies ist die althochdeutsche Entsprechung:

Quad tho: sum man habata zuuene suni. Quad tho der iungoro fon then themo fater: fater, gib mir teil thero hehti thiu mir gibure. Her tho teilta thia héht. Nalles after manegen tagon gisamonoten allen ther iungoro sun elilentes fuor in uerra lantscaf inti dar ziuuarf sina héht lebento uirnlustigo.

 Entstehungsgeschichte.  Die Evangelienharmonie selbst geht auf den Syrer Tatian zurück. Der Text wurde in verschiedene Sprachen, darunter Arabisch und Latein, übersetzt und gelangte durch Bonifatius in das Kloster Fulda, wo sechs Schreiber und ein Korrektor vermutlich auf dessen Grundlage, bzw. unter Hinzunahme des sogenannten Codex Fuldensis  den ahd. Tatian verfassten.

Problematik.  Ich beschäftige mich mit dem ahd. Tatian einer Hausarbeit wegen, die eines der althochdeutschen sprachlichen Denkmäler behandeln soll. Ich wählte den Tatian, da dieser zur "Grundlektüre" des Studiums gehört. An ihm erlernen Germanistikanfänger die Grundzüge des Althochdeutschen, ohne aber viel darüber zu wissen. Da auch ich den Tatian vor einigen Semestern auf und nieder in meinen Kopf geprügelt habe, wollte ich nun mehr darüber wissen. Aber das ist einfacher gesagt, als getan! 

Die Forschungsliteratur zum Thema ist spärlich und - das ist das größere Problem - stark veraltet. Die meisten der Bücher, die ich zum Thema in der Universitätsbücherei gefunden habe stammen aus den 70er Jahren. Auch das Einführungswerk meines Dozenten empfiehlt jene ältere Fachliteratur. 
Ein weiteres Problem ist die Frage nach der "Abhängigkeit". Wir haben ja theoretisch drei verschiedene, in Fulda befindliche Texte: den Codex Fuldensis, die althochdeutsche Textspalte des ahd. Tatian und die lateinische Textspalte. In den 70er Jahren kam es zur Debatte, ob der Codex Fuldensis überhaupt Ursprung des ahd. Tatian sei, oder ob die Schreiber sich vielmehr auf andere Fassungen beriefen. Viele Wissenschaftler, die sich auf die Version Sievers beriefen, sprachen den Texten ihre gegenseitige Abhängigkeit ab, da es zuviele Unstimmigkeiten gab. Rathofer fand jedoch später heraus, dass diese Unstimmigkeiten vor allem von Fehlern der Sieverschen Version, die um 1900 enstand,  ausgingen. Tilgte man die Fehler Sievers bzw. nahm eine "korrekte" Version des ahd. Tatian hervor, fanden sich vielmehr Übereinstimmungen des ahd. Tatian und des Codex Fuldensis. 

Im Moment arbeite ich noch aus der leider viel zu alten Fachliteratur heraus und klappere das Internet nach neueren Artikeln und wissenschaftlichen Quellen ab. Wir werden sehen, ob sich weitere brauchbare Informationen finden lassen, die den aktuellen Wissenschaftsstand wiedergeben. Ich habe schließlich nicht mehr viel Zeit bis zur Abgabe und muss zusätzlich noch zwei weitere Hausarbeiten verfassen =/ 

2 Kommentare:

Eponine hat gesagt…

Liest du denn Latein und Althochdeutsch, oder befasst du dich da mit Übersetzungen?
Das ist wirklich sehr spannend.

Ganz liebe Grüsse
Livia

Bücher Diebin hat gesagt…

Mehr Althochdeutsch, als Latein. Ich kann beides und wenn es für die Übersetzung notwendig ist lese ich auch den lateinischen Text. Aber meist ist für mich nur der ahd. Text wichtig und ausreichend. Oftmals sind die Werke ja auch "rein" deutsch oder lateinisch. Solch eine Zweispaltigkeit wie beim Tatian war damals noch eher selten. Es wird vermutet, dass der Tatian sogar der erste dieser Art war und als Vorlage späterer Werke galt.

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