8. April 2015

[Rezension] David Wagner: Vier Äpfel



David Wagner: Vier Äpfel
Rowohlt: 160 Seiten
Gebunden: 17,90  €
Taschenbuch: 8,99 €
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Es fällt schwer bei diesem Buch eine Inhaltsangabe zu schreiben. Besser gesagt fällt es zu leicht, sodass es schwierig wirkt. Die Handlung von "Vier Äpfel" kann man in ganz knappen Sätzen zusammenfassen:

Ein Mann geht in einen Supermarkt und beginnt den Einkauf im Gemüse- und Obstabteil. Dort kauft er vier Äpfel die zusammen exakt 1000 Gramm wiegen. Er sieht dies als Zeichen, dass dies ein ganz besonderer Tag wird. Doch im Endeffekt handelt es sich um einen ganz alltäglichen Einkauf. Dabei geht der Protagonist auf eine Reise durch seine eigenen Erinnerungen, vor allem Erinnerungen an seine zerflossene L. Er beobachtet feinsinnig alle noch so kleinen Kleinigkeiten und weiß zu allem eine kleine Anekdote, eine Erinnerung oder einen Gedanken zu erzählen.  Der Roman endet, wie könnte es anders sein, mit dem Bezahlen an der Kasse.

Auf 160 Seiten begleiten wir also den namenlosen Protagonisten auf seine Einkaufstour. Und ich finde, hier wird einmal mehr deutlich warum man David Wagner den Meister des Beobachtens nennen kann. Eigentlich handelt es sich bei den Dingen, die der Protagonist sieht, um ganz alltägliche Dinge, die jeder von uns genau so jede Woche beim Wocheneinkauf sieht: Klobürsten, zerplatzte Sahnebecher, Fleisch- und Käsetheke, Waschmittel. Aber Wagner sieht darin mehr: Die Designerklobürsten, die er im Urlaub im Schaufenster bestaunte, während L. in Museen und Galerien drängt. Das Waschmittel, das L. immer genutzt hat und dessen Duft er sich so sehr zurückwünscht. Das Shampoo, von L. Shampon genannt, und von dem noch immer ein kleiner Rest auf dem Badewannenrand steht, obwohl L. ihn schon lange für einen anderen verlassen hat. 

Und in diesen Roman, der so ziemlich die verlorene Liebe aufarbeitet, streut Wagner auch immer wieder Kritik an unserer Zeit: Fischfang, Kosumwahnsinn, &&&. Dabei bedient er sich einer ganz alltäglichen, knappen, aber dennoch kunstvollen Sprache. Besonders authentisch wirkt der "Bericht" zudem, weil zweimal kleine "Belege" abgedruckt sind: einmal ein Kassenbon, den er selbst aus der Jacke kramt und einmal findet er einen von Kinderhand geschriebenen Einkaufszettel auf dem Boden. Besonders auffällig waren für mich auch die Fußnoten. In denen geht Wagner so manchem Gedanken nach, den er im Fließtext nicht weiter ausführt. Darunter sogar sehr interessante Fakten. In dem Abschnitt, wo er den Einkaufswagen beschreibt, benennt er die Geschichte des Einkaufswagens und dessen Erfinder in der Fußzeile. Die Fußnoten haben jedoch nicht immer etwas Belehrendes, sie ergänzen einfach nur Gedanken die gerade angebracht scheinen. 

Und nun, damit ihr euch noch ein bisschen mehr darunter vorstellen könnt, habe ich ein paar Zitate herausgefischt, die mir besonders gut gefielen.

"Etwas in mir glaubt immer noch, daß sich mit einer zweiten großen Liebe alles lösen und dann fügen könnte."

"Die Fische auf Eis sehen mich traurig an, das liegt, ich weiß schon, an den Augen, die toten Fische sehen mich an, und ich mache mir klar, daß ich keinen von ihnen kaufen darf, weil sie aus einer das Meer mit Medikamenten verseuchenden Fischfarm stammen oder, das zeigt das Fernsehen oft genug, entweder in einem Hochseetrawler in die Netze gegangen sind, der ohne die Fördergelder der Europäischen Uni gar nicht mehr auf den Weltmeeren unterwegs wäre, oder von einer der schwimmenden russischen oder japanischen Fischfabriken gefangen wurden, auf denen man sich an keine Fangquoten hält, da sie sowieso niemand überprüfen kann, Fischfabriken, die westafrikanischen Fischern, die in kleinen, kanuartigen Booten durch die Brandung aufs Meer hinausfahren, alles wegfischen."
"Wer oder was bestimmt über mich? Ich glaube, ich bin eine Biene, die durch den Supermarktgarten fliegt, die Verpackungen sind meine Blüten, Form und Farben, Schrift und Geruch verführen mich. Geruch? Aber ich rieche doch gar nichts, ist ja alles verpackt. Ich bin dressiert darauf, auf Formen, Farben und Schriften zu reagieren, bin vielleicht kein perfekter, alles in allem jedoch ein zuverlässiger Konsument, denn ich kaufe die Marken, die ich kenne und schätze und schon immer kaufe, und bin mit ihnen glücklicher als mit den Produkten ohne Namen, meine Marken sind noch bei mir, L. ist es nicht."

Meinung

Ich habe hier ein bisschen überlegen müssen: vier oder fünf Punkte. Ich habe mich dann aber doch für die fünf entschieden, aus folgenden Gründen: Das Buch ist unterhaltsam und wunderschön geschrieben und schärft zudem den Blick auf die kleinen Dinge im Leben. Da ich gerade das sehr bewundernswert und auch notwendig erachte, empfehle ich dieses mit 160 Seiten auch sehr kurze Buch unbedingt weiter. In unserer schnellen Welt, wo immer alles huschhusch gehen muss, sollten wir uns auch mal Zeit nehmen die Kleinigkeiten in den Fokus zu rücken. Und dieses Buch macht vor, wie's geht.



PS: Beim "Gemeinsam Lesen" hatten ja einige erwähnt, dass ihnen der Autor noch so unbekannt sei. Deswegen möchte ich doch noch kurz etwas zu  ihm sagen, da ich ihn nun schon das zweite Mal hier auf dem Blog in größten Tönen lobe: David Wagner wurde 1971 geboren. Sein erstes Werk erschien 2000, "Meine Nachtblaue Hose". Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. 


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