15. Mai 2015

[Meinung] Ich bin nicht hier, um eine Rede zu halten // Gabriel Garcia Marquez

am Freitag, Mai 15, 2015


Ich bin nicht hier, um eine Rede zu halten
Gabriel García Márquez

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 160
Preis: 16,99 €

Meine Liebe zu südamerikanischen Autoren bekam ich in die Wiege gelegt. Meiner Mutter kennt sich im Dschungel der für Europäer nur schwer zu merkenden und auszusprechenden Namen der südamerikanischen Literaturszene aus. Meine Liebe zu Südamerika erkannte ich in Isabell Allendes "Geisterhaus", das ich ganz ohne das Zutun meiner Mutti aus der Bücherei heimschleppte, noch ehe ich die Tragweite dieses Romans begriff. Auf Empfehlung meiner Mama hin habe ich mir dann meinen ersten Garcia Marquez nach Hause geholt. Es blieb nicht bei einem. Mittlerweile ist der Literaturnobelpreisträger einer meiner Lieblingsautoren. Als ich dann in unserer Bücherei dieses Buch hier sah, musste ich es mitnehmen.

In "Ich bin nicht hier, um eine Rede zu halten" findet der Leser etwa 20 Reden, die Gabriel Garcia Marquez im Laufe seines Lebens hielt, bzw halten musste. Denn wie der Titel schon sagt, er wollte eigentlich keine Reden halten. Dennoch hielt er die erste bereits als Schüler zur Verabschiedung einiger Schulkameraden. Es folgten weitere und spätestens nach Verleihung des Nobelpreises war Garcia Marquez ein gefragter Redner. Ich könnte euch von vielen Reden im Buch schreiben, ich habe mir jedoch für diesen Post exemplarisch die Rede "Damoklesschwert" ausgesucht, da sie mich am meisten berührte. Gehalten wurde die Rede am 6. August 1986 in Mexiko auf dem 2. Gipfeltreffen der Gruppe der Sechs. Thema war die Abrüstung angesichts der drohenden nuklearen Bedrohung. Die Rede ist fast schon als Rechnung zu verstehen, denn Gabriel Garcia Marquez rechnet vor: "Mit dem Geld für zehn der fünfzehn nuklearbetriebenen Nimitz-Flugzeugträger, die die Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 produzieren werden, könnte man ein Vorsorgeprogramm durchführen, das in denselben vierzehn Jahren mehr als eine Milliarde Menschen gegen Malaria schützen und - allein in Afrika - den Tod von mehr als vierzehn Millionen Kindern verhindern würde." Das geht unter die Haut, zumindest bei mir. Und dies ist nur ein Punkt von vielen. Ohne die Worte, wie sonst von ihm gewohnt, auszuschmücken breitete er die immensen Kosten der Militärprogramme vor dem Leser aus und rechnet humanitäre Hilfe gegen, z.B. die Alphabetisierung, Bildung, Gesundheitswesen, Hunger. 
Die Reden haben allgemein denselben Charme seiner Bücher, sind jedoch bei weitem treffender, weil real. Wer Garcia Marquez als bedeutenden Geschichtenerzähler kennen gelernt hat, wird hier auf den intelligenten, politisch und historisch gewandten Redner treffen. Die eindringliche Sprache, mit der er aktuellpolitische Themen anspricht (die trotz der Jahre nichts an ihrer Aktualität verloren haben!) ist markerschütternd und gerade deshalb für jeden empfehlenswert zu lesen. Es sind nur 160 Seiten. Gefüllt mit den Reden und sehr hilfreichen Erläuterungen zum jeweiligen Anlass. Die Reden Gabriel Garcia Marquez' sind bedeutend für das Selbstverständnis Südamerikas, die Geschichte und die Menschheit an sich. 




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