22. Oktober 2015

Mich hat Auschwitz nie verlassen


"Mich hat Auschwitz nie verlassen"
Überlebende des Konzentrationslagers berichten

hrsg. von: Susanne Beyer, Martin Doerry

Deutsche Verlags-Anstalt 2015
288 Seiten
Gebundene Ausgabe: 29,99 €

Sachbuch; Deutsche Geschichte; Judenverfolgung; Holocaust

Klappentext

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen waren hier von den Nationalsozialisten ermordet worden; nur wenige Gefangene kamen mit dem Leben davon. Diejenigen, die die Lagerhaft überlebten, konnten oder wollten in den Jahren nach der Befreiung meist nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Sie fühlten sich außer Stande, über die Exzesse der Entwürdigung, die sie in Auschwitz erfahren mussten, zu reden, oder sie fanden für ihre Erinnerungen kein Gehör.

Weltweit haben SPIEGEL-Redakteure und -Mitarbeiter nun ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers besucht und befragt, Susanne Beyer und Martin Doerry haben diese Berichte in einem Buch zusammengestellt. Die beeindruckenden Schilderungen der letzten überlebenden Zeugen von Auschwitz werden reich bebildert mit Porträts, die die Fotografen Sara Lewkowicz und Dmitrij Leltschuk für diesen Band anfertigten.

Inhalt

Bei Mich hat Auschwitz nie verlassen handelt es sich um eine Sammlung von Augenzeugenberichten. Insgesamt 19 Personen sprechen von dem, was für uns unmöglich erscheint. Es gibt nur noch wenige, die von  den schrecklichen Verbrechen berichten können. Im vorliegenden Sachbuch geben die 19 Befragten ihre Geschichte wider, beschreiben den Alltag im Lager und lassen so den Leser an ihrer ganz persönlichen Leidensgeschichte teilhaben. Es ist unmöglich dieses Buch ohne einen Kloß im Hals zu lesen. Der Leser erfährt unter anderem, dass ein Baby von der eigenen Mutter erstickt wurde aus Furcht, des Geschrei könne die Gestapo anlocken. Ein junges Mädchen wird in einen Graben voller Exkremente geworfen. Was im Geschichtsunterricht teilweise trocken daher kommt, wird hier mit erlebter Geschichte unterfüttert und erhält so eine ganz neue Dimension. 

Meinung

Mich hat dieses Buch von der ersten Seite bis zur letzten gefesselt. Aber von vorn: Schon auf den ersten Blick handelt es sich um ein unglaublich schönes Buch. Ein Vorwort der Herausgeber bietet den perfekten Einstieg. Es folgen 19 Kapitel, jedes Kapitel bietet einem Zeitzeugen die Möglichkeit seine Geschichte zu erzählen. Zu Beginn des Kapitels befindet sich eine farbige Doppelseite mit Portrait des Erzählenden und einem knappen Einleitungstext, der meist mit einer Frage endet die dann im Folgenden in den Bericht überleitet. Die Berichte werden durch aktuelle Fotos der Befragten, sowie historische Aufnahmen unterfüttert. Sprachlich gibt es natürlich nicht viel zu sagen: die Berichte werden wortgetreu wiedergegeben. Es scheint, als spräche der Zeitzeuge persönlich mit dem Leser was natürlich umso eindrucksvoller erscheint. Den Schluss des Buches bilden die Kurzbiografien aller Befragten. Die Zeitzeugen wurden zudem sehr gut ausgewählt. Wir haben es nicht nur mit jüdischen Menschen zu tun, auch andere von der Verfolgung bedrohte Menschen kommen zu Wort. Die Geschichten könnten teilweise nicht unterschiedlicher sein und doch zeichnen sie alle ein Bild des gemeinsamen Schreckens.
Dem Spiegel gelingt mit diesem Sachbuch ein in meinen Augen herausragendes Werk, dass unbedingt gelesen werden sollte. Dank dem Engagement der Spiegel-Redakteure und der erzählbereiten Zeitzeugen ist es gelungen, authentische Berichte fest zu halten. Das ist umso notwendiger, da die Zeitzeugen immer seltener werden und wir nur noch auf das zurückgreifen können, was geschrieben steht. Dabei ist es - vor allem in Zeiten wie diesen - sehr wichtig, dass dieses Wissen und die Erfahrungen nicht verloren gehen, zugänglich bleiben. Dem Spiegel ist es hierbei gelungen, dies nicht nur sehr umfassend anzubieten, sondern auch in einer wirklich wunderschönen Gestaltung. Hut ab dem Layouter des Sachbuchs! Zudem handelt es sich um einen hochwertigen Druck. Dieses Buch ist also allein optisch und haptisch bereits herausragend.
Für mich ist dieses Buch bald noch mehr Sterne wert als ich in der Regel vergebe. So groß die darin erzählten Schrecken auch sind, dieses Buch ist eine Perle der historischen Bücher. Ich empfehle nicht nur den Interessierten, beherzt zuzugreifen. In diesem Buch steht geschrieben, was jeden angeht. Ein Mahnmal. 



Kommentare:

  1. Selbe Thematik: Ich war dereinst von der Schule aus bei einer Lesung von Fred Schwarz, aus seiner Autobiografie "Züge auf falschem Gleis". Definitiv die beeindruckendste Begegnung meines Lebens!

    LG,
    Tanja

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    1. Das glaube ich dir sofort! Eine Lesung ist dann sicher umso beeindruckender. Das Buch kenne ich noch gar nicht, aber es klingt auf jeden Fall, als sollte ich es mir einmal anschauen. Ich interessiere mich allgemein sehr für diese Zeit.

      Liebe Grüße,
      Lisa

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