27. Oktober 2015

Wolfgang Herrndorf: Sand

Sand
Wolfgang Herrndorf
Rowohlt Verlag, 2011
480 Seiten

Klappentext

«Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und über­prüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trink­wasser, goss den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sand­farbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsun­kundige Frau in einem Auto hier­herzubestellen.» Während in München Palästinenser des «Schwarzen September» das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis – Nordafrika 1972.

Inhalt

Carl - so wird er kurzerhand genannt - kann sich an nichts erinnern. Als er in einer Scheune erwacht, ist er sich seines eigenen Namens nicht mehr bewusst. Eines jedoch ist klar: man ist hinter ihm her. Natürlich tritt der attraktive Araber die Flucht durch die Wüste an und trifft dabei auf die hübsche, jedoch unterkühlte Amerikanerin Helen. Gemeinsam versuchen sie, das Rätsel seiner Existenz zu lösen. Dabei verirren sie sich immer wieder in Verstrickungen, die auf eine vermeintliche kriminelle Vita Carls hindeuten. Und am Ende kommt doch alles anders als erwartet und der Roman endet mit dem berühmten Paukenschlag.

Meinung

Ich habe lange überlegt, wieviele Sterne ich dem Roman gebe. Bis etwa zur Hälfte des Buches tendierte ich zur vier, da ich es schwierig fand in den Roman hinein zu finden. Aber dann wurde mir Kapitel um Kapitel bewusst, dass es Herrndorf auch genau darauf auslegte!  Immer wieder knüpft und spinnt der Autor neue Handlungsfäden, lässt sie im Sand verlaufen. Realität, Traum, Schatten- und Scheinwelt verwischen. Der Leser wird ebenso wie de Protagonist Carl an der Nase herum geführt und begibt sich in das schier unbegreifliche Geflecht einer vergessenen Biografie. Und ganz nebenbei wird in einem Kriminalfall ermittelt, was dem Roman neben der sprachlichen Gewalt die nötige Brise Thrill verleiht. 
Sprachlich wie gesagt fulminant, wie man es von dem leider verstorbenen Autor aus Werken wie Tschick gewohnt ist. Besonders ansprechend empfand ich auch die den Kapiteln zur Seite gestellten Zitate, die wie ein "Motto" über dem Geschriebenen thronten und alles in ein weiteres Licht zu werfen vermochten. 
Mich wundert nicht, dass dieser Roman es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises im Jahr 2012 schaffte. Sand ist ein atemberaubender Roman, den man definitiv nicht nur einmal lesen sollte und auch nicht nur einmal wird lesen wollen. Ich glaube es handelt sich hier um einen Roman, der beim wiederholten Lesen nicht langweilig wird und immer weitere Details offenbart, die einem am Anfang gar nicht so bewusst waren. 
Herrndorf hat sich mit diesem Roman wieder einmal als einer meiner Lieblingsautoren bestätigt. Wer kluge Literatur mit einigen kniffligen Gedankenkapriolen zu schätzen weiß, ist hier an genau der richtigen Adresse. 


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