11. Januar 2016

Amos Oz: Judas

am Montag, Januar 11, 2016

Schmuel Asch steht vor den Trümmern seines bisherigen Lebens; seine Freundin hat ihn für einen anderen sitzen lassen, die Eltern können das Studium nicht weiter finanzieren und die Magisterarbeit mit dem Titel "Jesus in den Augen der Juden" verläuft im Sand. Es gleicht also beinahe einem Wink des Schicksals, als er in der Universität ein Stellenangebot erblickt. Gesucht wird ein Student, der sich jeden Tag ein wenig um einen älteren, gebrechlichen Herren kümmern mag. Ihm winken dafür Kost und Logis, sowie ein kleines Taschengeld. Schmuel, der nicht weiß wohin mit sich, nimmt an und landet so im Haus des "Verräters" Abrabanel.
Hier leben nach seinem Tod dessen Tochter Atalja und der Alte, der sich im Laufe der Geschichte als der Vater ihres früh verstorbenen Mannes herausstellt. Schmuel erhält nun die Gelegenheit in der Einsamkeit und im Selbstgespräch seine Existenz, die Geschichte der Juden, die Geschichte der Christenheit und die politische Lage des desolaten Judenstaates in Frage zu stellen. Wie es das Schicksal will, verliebt er sich zudem in die unnahbare Atalja, die in ihm sogar ein wenig Gefallen findet. 
Der Roman behandelt explizit das Thema "Verrat/Verräter". Zum einen wird der Verrat Judas' an Jesus thematisiert, zum anderen stellt Amos Oz das Schicksal Atalja's Vater in den Vordergrund, der ebenfalls als Araberfreund und Verräter beschimpft wurde. Selbst Schmuel gerät in die Bedrängnis, sich selbst als Verräter an seiner Familie zu empfinden. Das Thema liegt gut eingebettet in eine wenig spektakuläre, dafür aber umso träumerische und schönere Rahmenhandlung. Die zarten Bande zwischen Atalja und Schmuel, Gerschom Wald und Schmuel sind anrührend und zeugen von dem fragilen Gebilde zwischenmenschlicher Beziehungen. Zudem verpackt Oz in seinem Roman sehr geschickt die gegenwärtige und historische Situation Israels und bietet dem Leser so sogar eine kleine Kulturgeschichte des "Judenstaates". 
Für geschichtsinteressierte und/oder politisch interessierte Leser definitiv ein absolutes Muss. Der Roman hat eine wunderschöne Sprache, plastische und sympathische Figuren, erzählt die Geschichte des Judentums, des Christentums und Israels, ein bisschen Philosophie darf auch nicht fehlen und stellt so ein sehr tiefgründiges und vielschichtiges Buch dar.

Amos Oz: Judas - 335 Seiten - gebundene Ausgabe - Suhrkamp Verlag - 22,95 €



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