20. Juni 2016

Magst und liest du Gedichte/Gedichtbände?

am Montag, Juni 20, 2016

Tatsächlich mag ich Gedichte und Gedichtbände sehr gern, lese sie aber um ehrlich zu sein viel zu selten. Ich bevorzuge deutsche Dichter um 1900. Meine Lieblingsdichter sind wohl:

Gottfried Benn

Kleine Aster
Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft, 
kleine Aster!



dr. bierfahrer
unterm seziertisch 
ham wer ihn jefunden
darauf die vielzitierte
leiche er jestemmt
statt eines herzens
schlug ihm ne satte aster
in der brust
in seinem schädel
steckten desinfizierte säjespäne
massenhaft
und zwischen seinen zähnen
war dunkelhelllila
’n hakenkreuz einjeklemmt
schön wars nich!

Rainer Maria Rilke

Erste Duineser Elegie (Auszug)
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum
uns am Angesicht zehrt –, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,
sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.
Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

Friedrich Nietzsche


Vereinsamt
Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist Du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Weh dem, der keine Heimat hat.

Zudem finde ich einige Gedichte von Eva Strittmatter sehr schön, z.B.:

Fluch 


Nein, du vergißt mich nicht. 
Verrat ist möglich. doch Vergessen nein. 
Zerstör mein Bild. Lösch mein Gesicht. 
Da wo du bist, werde ich sein. 



Niemals entkommst du meinen Worten. 
Sie folgen dir nach als Gedicht 
noch zu den fernsten fernen Orten. 
Versuch es: du vergißt mich nicht. 



So, nun habt ihr einen kleinen Einblick in die Lyrik,  die mir wirklich sehr gut gefällt und die ich auch immer wieder gern lese, auch wenn ich finde, dass sie im Alltag zu kurz kommt. Ich glaube, ich sollte mir beim nächsten Büchereibesuch, mal wieder ein Gedichtband mitnehmen :) 




9 Kommentare:

BuboBubo hat gesagt…

http://bubobuboslesewelt.blogspot.de/2016/06/montagsfrage-20-gedichte.html

Tolle Gedichte hast du rausgesucht :)
Leider habe ich schon ewig keine mehr gelesen aber die Montagsfrage hat mich dazu ermuntert mal wieder mehr Lyrik zu lesen.
Liebe Grüße

wortmagieblog hat gesagt…

Hey Lisa,

ich sehe das ähnlich. Gedichte sind wundervoll, aber schwer in den Alltag zu integrieren. Es ist ein großer Schritt, die Prosa zur Seite zu legen, um sich einen Gedichtband vorzunehmen. Irgendwie habe ich da auch noch nicht die richtige Strategie gefunden...

Montagsfrage auf dem wortmagieblog

Viele liebe Grüße,

Elli

Daughter OfInkandPaper hat gesagt…

Wundervolle Gedichte, die du da vorstellst!
Rilke ist super *-* Da kann ich sogar den Panther auswendig. Schule sei Dank ;)
Zu meinen Lieblingen gehören Nazim Hikmet und Sylvia Plath, aber auch noch viele, viele andere.

Alles Liebe
Carly

Hier geht es zu meinem Beitrag: http://daughterofinkandpaper.blogspot.de/2016/06/montagsfrage-magst-und-liest-du.html

Marie Ledoux hat gesagt…

Hallo,

schöne Gedichte hast du dir ausgesucht. Irgendwie fehlt mir der Zugang bzw. die Liebe dazu. Zwar habe ich gerade auch in meinem Lesekreis über Liebesgedichte gesprochen, aber es war echt harte Arbeit.

Mein heutiger Beitrag

Ganz liebe Grüße aus Tirol
Marie

Bücher Diebin hat gesagt…

Geht mir genauso! Ich habe auch schon ewig nix mehr in die Richtung gelesen, aber die Montagsfrage hat mich jetzt mal wieder draufgebracht.

Liebe Grüße,
Lisa

Bücher Diebin hat gesagt…

Ich glaube das stört mich gar nicht so. Ich finde Gedichte sogar lockerer in den Alltag zu integrieren als einen langen Roman. Man kann ja Tag für Tag ein Gedicht lesen, sind ja nun wahrlich nicht lang. Aber ich denke da einfach nicht dran, vergesse sie einfach o.O Und ich finde es auch schwierig da jemand neuen zu finden, der mir gefällt. Bücher findet man an allen Ecken und man weiß etwa, worum es geht. Aber bei Gedichten ist es schwieriger, mal auf etwas Neues zu stoßen.

Liebe Grüße,
Lisa

Bücher Diebin hat gesagt…

Ja, der Panther ist ja wirklich ein toller Klassiker :) Ein bisschen kann ich ihn auch auswendig, obwohl ich ihn nie lernen musste.

Liebe Grüße,
Lisa

Bücher Diebin hat gesagt…

Ich habe ziemlich früh damit angefangen, selbst zu schreiben. Also Gedichte. Das waren zwar keine Meisterwerke, kaum verwunderlich mit 12 Jahren :D Aber das hat mir schon immer Spaß bereitet. Und ich liebe es ja auch, Songtexte zu lesen und zu zerpflücken. Dichtung ist von Songtexten nicht weit entfernt.

Liebe Grüße,
Lisa

Evy hat gesagt…

Benn klingt für mich sehr.. brutal - er drückt sich metaphorisch, aber wenige elegant aus. Trotzdem finde ich die politische Beschaft in allem Gedichte interessant. was begeistert dich an diesen Dichtern?

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