16. Februar 2015

[Rezension] Pfaueninsel v. Th. Hettche

"Wir sagen: die Zeit vergeht. Dabei sind wir es, die verschwinden."

Das Buch lächelte mich auf einem der kleinen Tischchen an, die die örtliche Bücherei  anlässlich des Buchpreises aufgestellt hatte. Ich wusste nicht, worum es ging. Doch das Cover gefiel mir so gut, dass ich kurzerhand mit Pfaueninsel von Thomas Hettche  unter dem Arm zurück zum Auto stiefelte.  Das Buch lag erst einige Zeit auf meinem SuB, dann jedoch die Nachricht der Bücherei: Muss in sieben Tagen abgegeben werden, jemand hat es vorbestellt. Na schön. Ich mich also gleich hingesetzt und zu lesen begonnen und keine drei Tage später sitze ich nun hier, überwältigt von diesem Buch. Mit einem traurigen Gefühl im Bauch. Und trotzdem froh das Buch gelesen zu haben. 

Inhalt. Die Pfaueninsel ist eine "walfischförmige" Insel in der Havel. Hier wurde ein künstliches Paradies als Rückzugsort für die königliche Familie geschaffen. Marie und ihr Bruder Christian, beide kleinwüchsig, werden von der Großmutter weggegeben und auf eben jener Insel angesiedelt. Die junge Marie soll Schlossfräulein werden. Die Kleinwüchsigen galten als Exoten, als "Ding". Eine Absurdität der Natur, die man auf der Insel zur Schau stellen und zur Belustigung hernehmen konnte. Auf der Insel leben zudem die Neffen des Gärtners, darunter auch Gustav. Zwischen Gustav, Christian und Marie entspinnt sich eine Freundschaft, die bald schon Liebe zwischen dem jungen Mädchen und dem normalwüchsigen Jungen sät. Und als die beiden jungen Menschen endlich einander näher kommen und sich der Leser wünscht, diese ungewöhnliche Liebe möge blühen, bricht Gustav auf. Seine Lehre führt ihn fort von Marie und der Pfaueninsel. Als Gustav zurückkehrt, kann er seine Liebe zu Marie nicht mehr leugnen. Sie finden zueinander und Marie wird schwanger. Doch es beginnt nicht nur ein Leben, es bricht auch eines jäh und gewaltsam ab. Und dies ist das Ende des glücklichen Lebens des Schlossfräuleins von der Pfaueninsel. Und nun erst wird ihr allmählich gewahr, dass  die Pfaueninsel und sie selbst Überbleibsel einer alten Zeit sind, während sich im Deutschland des 19. Jahrhunderts  soviel verändert.

Meinung. Vorweg: dieses Buch ist für zartbesaitete Wesen, die allzuviel mitfühlen, schwere Kost. Das Leben der Marie ist nur anfänglich schön. Doch ihr Glück bricht jäh ab und ihr Dasein wird immer trostloser und trauriger. Und jedes Mal wenn man glaubt, nun wirds aber wieder; jetzt kommt das Happy End - Pustekuchen! Nein. Die Geschichte zeichnet den Verfall, das Gebrechen, die Trauer einer besonderen Existenz in all seiner traurigen Wirklichkeit nach. Und Thomas Hettche gelingt dies mit einer keineswegs zu blumigen, aber sehr schönen Sprache so eindrucksvoll umzusetzen, dass man mit einem Kloß im Hals aus der Geschichte geht. Im Mittelpunkt stehen immer wieder die zentralen Themen: Was ist Schönheit? Und: Was ist Vergänglichkeit? Für uns sind alle Menschen gleich, doch für die Menschen damals galt das eben nicht. Die "Mohren, Zwerge, Riesen" wurden auf der Pfaueninsel eher als Teil  der Menagerie gesehen, weniger als normale Menschen. Immer wieder geistert das Wort "Monster" durch den Roman und es kann nur in jener Zeit abgestreift werden, da Gustav sich seiner Liebe zu Marie hingibt. Als er ihr das Gefühl gibt, eine Frau wie jede andere zu sein. 

Beeindruckend ist auch, dass die Person der Marie durchaus historisch belegt ist. Viel mehr ist über das Fräulein jedoch nicht überliefert, sodass Hettche ihr nun eine ganz eigene Geschichte zur Seite zaubert. Wikipedia meint "In der Nacht vom 18. zum 19. Mai 1880 geriet das Palmenhaus aus ungeklärter Ursache in Brand." So ungeklärt bleibt der Brand in Hettches Roman nicht. 

Starken Gemütern rate ich definitiv zu, dies ist ein wirklich wunderschönes Buch. Wer Bücher jedoch bloß zur Erheiterung liest und sich selbst mitfühlend nennt, lässt lieber die Finger davon. Ich werde  mir nun erst einmal "leichtere Kost" vornehmen, bereue jedoch keine Seite der Pfaueninsel gelesen zu haben. 

Zitate.
"Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt."

"Schönheit ist Willkür."

"Jeder Liebende ist ein Überlebender. Doch auch die Toten sind weiter unter uns, als wäre nichts geschehen."


Pfaueninsel. Thomas Hettche • Kiepenheuer & Witsch • 352 Seiten • 19.99 €

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